Ein Rechenzentrum kann rund um die Uhr Strom in Servern, Netzwerktechnik und Kühlung einsetzen. Ein großer Teil der verbrauchten Energie muss am Ende als Wärme wieder abgeführt werden. Für die Technik ist sie zunächst ein Kühlproblem. Für ein Gebäude in der Nähe könnte sie eine Wärmequelle sein.
Wie viel davon tatsächlich genutzt wird, ist schwerer zu beantworten. In ihrer ersten EU-Auswertung schätzt die Kommission den wiederverwendeten Anteil auf etwa 1,8 Prozent der von Rechenzentren erzeugten Wärme. Die Meldedaten stammen aus dem Zeitraum Mai bis September 2024: 770 Rechenzentren berichteten, ungefähr 36 Prozent der geschätzten meldepflichtigen Einrichtungen. Nur 67 meldeten eine Nutzung von Abwärme. Die Kommission bewertete 70,1 Prozent der gemeldeten Daten als verlässlich. Das ist eine erste, unvollständige Bestandsaufnahme und keine Messung des gesamten EU-Bestands im Jahr 2026.

Von warmer Serverluft zu heißem Heizwasser
Die Serverwärme gelangt zunächst in einen Kühlkreislauf. Ein Wärmetauscher überträgt sie auf einen getrennten Kreislauf, der die Wärme aus dem Rechenzentrum hinausführt. Damit ist sie noch nicht unbedingt warm genug für ein Gebäude. Luftgekühlte Anlagen liefern häufig Wärme auf niedrigem Temperaturniveau. Für ein neues Quartier mit niedrigen Heiztemperaturen kann das ausreichen. Ein älteres Gebäude oder die Warmwasserbereitung braucht oft deutlich heißeres Wasser.
Dann hebt eine Wärmepumpe das Temperaturniveau an. Ihr Verdichter braucht dafür Strom. Die abgegebene Heizwärme stammt also aus der aufgenommenen Serverwärme und zusätzlicher Antriebsenergie. Wie effizient das übers Jahr funktioniert, hängt unter anderem von der Ausgangstemperatur, der benötigten Vorlauftemperatur und der Auslastung ab. Eine einzelne Leistungszahl an einem bestimmten Messpunkt ist noch keine Jahresbilanz für ein ganzes Netz.
Ein Projekt in Frankfurt zeigt den Temperaturhub: Das benachbarte Rechenzentrum liefert Wärme mit rund 35 Grad. Zwei Großwärmepumpen bringen sie auf etwa 70 Grad für die Heizsysteme. Weil die Quelle nicht den gesamten Bedarf zuverlässig allein decken soll, ergänzt Fernwärme das System. Nähe, ein passender Wärmeabnehmer und eine abgesicherte Versorgung gehören damit ebenso zur Lösung wie die Wärmepumpe selbst.
Der Weg der Serverwärme.
Zusätzlicher Strom treibt den Verdichter und die Pumpen an.
Die Grafik zeigt Prozessschritte, keine gemessenen Energieanteile. Bei Ausfall oder fehlender Abnahme muss die Kühlung unabhängig davon sicher weiterlaufen.
Drei Projekte, drei unterschiedliche Antworten
Die folgenden Beispiele liegen an verschiedenen Punkten zwischen Planung und Betrieb. Auslegung, erwartete Jahresmengen und bereits gestartete Versorgung sind nicht dasselbe.
| Ort und Stand | Was berichtet wird | Was offenbleibt |
|---|---|---|
| Stuttgart-Möhringen Inbetriebnahme: September 2026 |
Ein Wärmenetz nutzt Serverwärme für die städtische IT-Schule und Gebäude von DEKRA. Wärmepumpen heben die Temperatur an. Das System ist auf bis zu 1,8 Megawatt ausgelegt; künftig soll es etwa fünf Gigawattstunden Wärme pro Jahr bereitstellen. | Die Leistung ist die Auslegung. Die Jahresmenge ist eine Erwartung zum Betriebsstart, noch kein gemessener Jahreswert. Die Stadt nennt rund 1.200 Tonnen vermiedene CO₂-Äquivalente pro Jahr als errechneten Vergleich mit Erdgas. |
| Berlin-Schöneberg Pallasseum: seit Dezember 2025 |
Der Betreiber des Wärmekonzepts gibt an, dass Abwärme rund 65 Prozent des Bedarfs von etwa 500 Wohnungen deckt. Eine Wärmepumpe bringt sie auf 70 bis 75 Grad. Ein Gaskessel bleibt für Spitzenlasten verfügbar. | Die Anteile und Einsparungen sind Projektangaben. Sie lassen sich nicht auf jedes Bestandsgebäude übertragen. |
| Stödtlen Erweiterung ins Dorf: noch offen |
Das Nahwärmekonzept von JH-Computers nennt eine etwa 4,5 Kilometer lange Leitung für bis zu 280 Gebäude. Ein SWR-Bericht vom 4. Juli 2026 hielt fest, dass noch rund vier Kilometer fehlten und ein Finanzierungspartner gesucht wurde; die Kosten wurden auf etwa vier Millionen Euro geschätzt. | Die Unternehmensseite beschreibt einen älteren Planungsstand. Für die Recherche liegt keine spätere, verlässliche Bestätigung vor, dass die Dorferweiterung fertiggestellt wurde. Die geplante Leitung ist keine gemessene Wärmelieferung. |
Der Vergleich macht einen häufigen Denkfehler sichtbar: Ein Rechenzentrum kann kontinuierlich Wärme abgeben, ohne dass ein Wärmeverbund schon gebaut oder ein Anschluss finanziert ist. Stuttgart meldete eine Inbetriebnahme, Berlin einen laufenden Betrieb mit Spitzenlastkessel, und in Stödtlen beschrieb der jüngste auffindbare Bericht noch eine Finanzierungslücke. Eine Projektgrafik mit vielen versorgbaren Gebäuden beantwortet daher nicht automatisch die Frage, wie viel Wärme heute tatsächlich ankommt.
Was eine Klimabilanz vergleichen muss
Weniger Erdgas im Heizkessel kann Emissionen vermeiden. Dafür muss die Rechnung aber auch den Strom für Wärmepumpe und Pumpen, Leitungsverluste sowie den Anteil der Reserveanlage berücksichtigen. Verglichen werden sollte dieselbe tatsächlich gelieferte Wärmemenge mit der Versorgung, die ohne das Projekt eingesetzt worden wäre. Die rund 1.200 Tonnen CO₂-Äquivalente aus Stuttgart sind deshalb eine von der Stadt genannte Berechnung gegenüber Erdgas, kein gemessener Jahreswert und keine allgemeine Einsparzahl für Serverwärme.
Zwei Kennzahlen, zwei Fragen
Bei Rechenzentren fällt oft der PUE-Wert. Er setzt den Energieverbrauch des gesamten Zentrums ins Verhältnis zum Verbrauch der IT. Er beschreibt, wie viel zusätzliche Energie etwa für Kühlung und weitere Infrastruktur anfällt. Er sagt allein aber nicht, ob Wärme an ein anderes Gebäude geliefert wird.
Für die Wiederverwendung gibt es den Energy Reuse Factor, kurz ERF. Er setzt die wiederverwendete Energie ins Verhältnis zum Energieverbrauch des Rechenzentrums. Damit wird eine andere Frage beantwortet. Ein guter PUE-Wert ersetzt keine Messung der Wärmelieferung; ein hoher Wiederverwendungsanteil belegt umgekehrt nicht, dass der IT-Betrieb insgesamt effizient ist.
| Kennzahl | Sie beschreibt | Sie zeigt nicht allein |
|---|---|---|
| PUE | Gesamtenergie des Rechenzentrums im Verhältnis zur Energie der IT. | Wie viel Wärme tatsächlich genutzt und an Abnehmer geliefert wird. |
| ERF | Wiederverwendete Energie im Verhältnis zum Energieverbrauch des Rechenzentrums. | Ob ein Projekt seine Wärmeversorgung wirtschaftlich, verlässlich und mit niedrigen Emissionen betreibt. |
Vier Fragen vor der ersten Rohrleitung
Wie warm und wie verlässlich ist die Quelle? Entscheidend sind gemessene Temperatur und Wärmemenge am Übergabepunkt, möglichst über ein ganzes Jahr. Die Kühlung darf nicht davon abhängen, dass ein Abnehmer gerade Wärme braucht. Rechenzentrum und Wärmenetz brauchen eine sichere technische Trennung.
Wer nimmt die Wärme ab? Ein möglicher Jahresbedarf reicht nicht. Relevant sind Tages- und Saisonverlauf, Entfernung, Vorlauftemperatur und die Frage, ob der Wärmebedarf auch im Sommer besteht. Ein nahes Quartier mit niedrigen Temperaturen kann besser passen als ein entferntes Netz, das sehr heißes Wasser braucht.
Was kostet die gesamte Kette? Neben Wärmetauscher und Wärmepumpe gehören Stromanschluss, Pumpen, Leitung, Übergabestation, Speicher und Reserveerzeuger in die Rechnung. Eine kurze Leitung kann günstiger sein, aber nur wenn ausreichend Abnahme in ihrer Nähe liegt.
Wer trägt das Risiko? Ein belastbarer Vertrag klärt Investition, Eigentum, Wärmepreis, Betriebsführung, Laufzeit und den Umgang mit Ausfällen. Das ist bei einer Anlage wichtig, deren Wärmequelle zum Betrieb eines digitalen Dienstes gehört und nicht allein für das Heiznetz errichtet wurde.
Was die Regeln festlegen
Das deutsche Energieeffizienzgesetz verlangt von Betreibern ab 300 Kilowatt nicht redundanter elektrischer Nennanschlussleistung jährliche Angaben. Dazu gehören die an Wärmeabnehmer gelieferte Abwärmemenge und ihre durchschnittliche Temperatur. Das Register soll diese Daten sichtbarer machen, auch wenn die erste EU-weite Auswertung noch Lücken hatte.
Für Rechenzentren, die ab dem 1. Juli 2026 den Betrieb aufnehmen, nennt § 11 des Gesetzes einen Mindestanteil wiederverwendeter Energie von zehn Prozent. Für Zentren mit Betriebsstart ab Juli 2027 sind 15 Prozent als geplanter Anteil vorgesehen, ab Juli 2028 sind es 20 Prozent. Die Anforderungen sind spätestens zwei Jahre nach Inbetriebnahme im Jahresdurchschnitt zu erreichen; das Gesetz enthält Ausnahmen. Das sind gestaffelte Regeln nach Betriebsbeginn, keine pauschale Aussage, jedes bestehende Rechenzentrum könne seine Wärme sofort an ein Netz liefern.
Wärmeplanung beginnt vor dem Serverbetrieb
Wärme aus Rechenzentren kann Gebäude versorgen, wenn Temperatur, Abnehmer, Leitungsweg und Vertrag zusammenpassen. Die beste Gelegenheit, diese Verbindung einzuplanen, ist bevor ein Standort und sein Umfeld fertig gebaut sind. Erst eine Messung im Betrieb zeigt dann, wie viel Wärme tatsächlich ankommt und welche andere Erzeugung sie ersetzt.
Hinweis & Bildungszweck
Dieser Beitrag dient ausschließlich allgemeinen Informations- und Bildungszwecken und stellt keine individuelle fachliche, rechtliche, finanzielle oder medizinische Beratung oder Empfehlung dar. WK Energie steht in keiner geschäftlichen oder werblichen Verbindung zu den im Text genannten Institutionen, Herstellern oder Fallbeispielen.